Deutsche Nationalbibliothek – von der Sammelwut gepackt!
Soeben lese ich auf heise.de, dass die Deutsche Nationalbibliothek nun die Aufforderungen an die Webautoren in ganz Deutschland praezisiert hat (siehe FAQ). Im Juni 2006 wurde das Gesetz, welches die Archivierung durch die Deutsche Nationalbibliothek beschreibt, neu aufgelegt und auf Webinhalte ausgeweitet. So muessen die sogenannten “unkörperliche Werke” spaetestens eine Woche nach Erscheinen bei der Deutschen Nationalbibliothek eingereicht werden. Sollte dies nicht zeitnah geschehen droht eine Strafe von bis zu 10.000 Euro – eine utopische Summe, wie ich finde.
Genaue Vorstellungen darueber wie die Daten uebermittelt werden sollen gibt es auch schon. Die Texte, Bilder, etc. sollen in einem druckfaehigen Zustand archiviert werden (zip-, tar-, tgz- oder tar.gz-Archive werden akzeptiert) und schliesslich ueber einen FTP-Zugang auf den Server der Nationalbibliothek abgelegt werden. Davor ist jedoch eine Anmeldung bei der Nationalbibliothek zwingend notwendig, da die Publikationen zugeordnet werden muessen. Die Kosten fuer den Mehraufwand, der dadurch entsteht, werden nicht entschaedigt.
Nun fragt man sich als vernuenftig denkender Mensch doch, was das Ziel sein soll!? Es werden vom Staat weder Kosten noch Muehen gescheut die Webpublikationen zu archivieren und auf deren Server zur Verfuegung zu stellen. Doch wofuer? – Damit Wissenschaftler in ein paar hundert Jahren noch die geistigen Erguesse der Menschen heute einsehen koennen? Ist das wirklich der Grund? War es nicht immer so, dass eine gewisse Anzahl an Dokumenten verloren gegangen ist in der Geschichte? Mal hat man dieses Buch verbrannt, mal wurde selbiges vergraben – Verluste sind an der Tagesordnung. Dass die Archivierung des heutigen Gedankenguts der wahre Grund sein soll kann ich mir nicht vorstellen. Vielmehr glaube ich, dass man die Publikationen archivieren will um in ein paar Jahren sagen zu koennen “Du hast am Tag X im Jahr X diese Aussage gemacht. Das ist unverantwortlich, du stellst eine Gefahr fuer die Allgemeinheit dar und deswegen sperren wir dich jetzt ein!”.
Paranoide Gedanken? – Mag sein, aber meiner Meinung nach muss man gewisse Dinge einfach kritisch begutachten. Dass man in der derzeitigen Sammelwut, die die Politiker momentan an den Tag legen, solche Gedanken hat finde ich durchaus angebracht. Ich wuerde mir wuenschen, dass sich viel mehr Leute diese Fragen stellen und nicht alles so stillschweigend hinnehmen, wie es momentan der Fall ist.
Auf F!XMBR stellt man sich eine weitere wichtige Frage: Wohin mit den Daten? Sollten wirklich alle Daten, welche verfuegbar gemacht werden muessen, auch an die Nationalbibliothek geschickt werden, dann werden deren Server im Nu randvoll sein. Man strebt einen Vergleich mit der Frima Google an, die weltweit rund 1 Mio. Server in Betrieb haben soll. Will unsere kleine, suesse Nationalbibliothek jetzt auch so gross werden? – Von welchem Geld?
Weiterhin weiss ich noch nicht einmal ob ich diesen Eintrag jetzt an die Nationalbibliothek schicken muss. Ganz abgesehen davon, dass ich das nicht will, weiss ich leider nicht einmal ob der Staat meinen Blog als wichtig genug empfindet um ihn zu archivieren. Faellt mein Blog unter die Kategorie “unwichtig”?
Als verzichtbar gelistet sind auch “institutionsinterne Medienwerke”, Medienwerke mit amtlichen Inhalten und so genannte Akzidenzien [Akzidenz = eine Druck- oder Satzarbeit von in der Regel geringem Umfang; Anm. des Autors], die “gewerblichen, geschäftlichen oder innerbetrieblichen Prozessen oder rein privaten, häuslichen Zwecken oder dem geselligen Leben dienen”.
heise.de
Dient mein Blog dem privaten, haeuslichen oder geselligen Leben? Ich sage ja. Wer behauptet das Gegenteil?
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Interview mit Ute Schwens, Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, zu lesen, welches auf heise.de zu finden ist.
Am 29. Mai 2007 um 16:22 Uhr
>Wohin mit den Daten? Sollten wirklich alle Daten, welche verfuegbar gemacht werden muessen, auch an die Nationalbibliothek geschickt werden, dann werden deren Server im Nu randvoll sein.
Nur mal etwas zum Denken:
1. Relevanz
2. Bilder
3. Text
Extrahiert man z.B. Text bleibt kaum etwas über, das da stark belastend wirkt. Kommt die Relevanz hinzu, doppelte Daten sind in Blogs durchaus usus, ähnliche Thematiken ebenso, dann relativiert sich das ganze.
Als Archäologe habe ich teils mit gigantischen Datenfluten zu kämpfen, eine Aufgabe für Generationen, für nen zünftigen Admin overkill – und man sollte nicht meinen das das nur die Vase von nebenan im Musseum ist etc. Jeder Info zählt, jeder Scherbe, *alles*. Sprich ein Gräberfeld mit ca. 3000 Bestattungen bespielsweise bietet ein gewaltiges Mehr an Informationsextrakt, als zahllose Blogs zusammengenommen. Und dennoch archiviert man diese Dinge – Stück für Stück. Vorteil noch bei Blogs und Webseiten: a) hauptsächlich Text, b) Text ist leicht durchsuchbar. Dem gegenüber steht die Geschichte mit Millionen (!) von Fundstücken (pro Land/ kleiner als auch grö0erer Natur) und Tonnnen(!) von Textmaterial (das auch nach und nach archiviert wird und die Blogs noch in den Schatten stellen dürfte). Die Netzwelt wächst stetig, jedoch auch der irrelevante Stoff (wird machinell ausgesondert) – die profane historische Welt wächst auch stetig, da man nur einen Bruchteil(!) überhaupt kennt und täglich neue Dinge herauskommen. Sich hier also zurückzulehnen “ätsch, das packen die nie” ist beiweitem zu kurz gedacht. Einfach mal Text in Rohform abspeichern, das braucht sehr sehr wenig Platz im Verhältnis.
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Am 29. Mai 2007 um 16:36 Uhr
Ich gebe dir Recht, Oliver. Ein Text braucht wenig Platz, zehn Texte ebenso, hundert Texte auch. Was aber wenn die Anzahl der zu archivierenden Texte in die Millionen geht? Taeglich waechst das Internet, taeglich kommen immens viel mehr Daten ins Netz – sei es in Form von Texten, Bildern, Musikdateien, whatever. All das muss nun archiviert werden. Nur ist es so, dass man einen Blogeintrag, um ein Beispiel zu nennen, beliebig wieder entfernen kann, wohingegen bei der Deutschen Nationalbibliothek diese Moeglichkeit nicht besteht. Hier muss wohl oder uebel alles archiviert werden – fuer immer und ewig. Diese Ziele hat man sich ja selbst gesteckt! Die Festplattenkapazitaet muss also wachsen und wachsen. Es muessen mehr und mehr Server aufgestellt und verwaltet werden, die mit den Massen an Daten zurecht kommen. Wie kompliziert das werden kann macht uns Google vor. Es bedarf ausgefeilter Algorithmen und einer Masse an Rechenleistung um diesen Aufgaben gerecht zu werden.
Ich fuer meinen Teil finde diese Ziele verdammt hoch gesteckt. Dass Du als Archaeologe eine etwas andere Perspektive hast, ist verstaendlich. Es freut, dass Du auch einmal diesen Standpunkt aufzeigst.
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Am 29. Mai 2007 um 18:41 Uhr
[...] (DNBG). F!XMBR zieht nach. Und danach zieht dhaunsch nach. Genau wie from hades und crashsource.de . Und das beinahe ein Jahr(!) nachdem das Gesetz in Kraft trat (22.6.2006) und mehr als ein halbes [...]
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Am 20. Juni 2007 um 14:03 Uhr
[...] inzwischen beauftragt wurde auch unkoerperliche Werke, sogenannte Netzpublikationen, zu archivieren. Im gleichen Atemzug habe ich eine eMail an die Nationalbibliothek geschrieben, in welcher ich [...]
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